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GABRIOLA ISLAND

#1  WAHRNEHMEN

»Ich finde meinen Weg
auf dieser Karte nicht«,
sagte Kleiner Drache.

»Dein Weg ist nirgendwo eingezeichnet, sagte Großer Panda.
»Du musst ihn für dich selbst entdecken.«

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»Ich finde meinen Weg
auf dieser Karte nicht«,
sagte Kleiner Drache.

»Dein Weg ist nirgendwo eingezeichnet, sagte Großer Panda.
»Du musst ihn für dich selbst entdecken.«

AUF DER FÄHRE

DESTINATION

GABRIOLA  ISLAND

LAND

KANADA

DESTINATION

VANCOUVER – NANAIMO

HIGHLIGHTS

WIND;  BUCKELWAL

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KANADA

Die Fähre schaukelt auf eine kleine Insel zu. Es befinden sich nur sieben Menschen an Bord. Der Knopf für meine Abenteuerlust schaltet sich an. Ist der Bekanntheitsgrad einer Insel gering, bedeutet das für mich als Reisende: Entdeckung, Erlebnis, Besonderheit.

Eine Klein-Familie steht an der Reling und schaut auf die Insel, die immer besser sichtbar wird. Ich stelle mich neben sie und betrachte die Landschaft. Das ist also Kanada!, denke ich und genieße das Gefühl in diesem Moment auf einer Fähre am anderen Ende der Welt, irgendwo in Kanada zu sein. Meine ganze Reise liegt noch vor mir.

 

Auf der Fähre stehe ich am liebsten im Außenbereich an der frischen Luft, genieße den Fahrtwind, der mir um die Nase weht und die Haare um mein Gesicht wehen lässt. Auf der Fähre bin ich zunächst damit beschäftigt, meine braune Cap festzuhalten, die ständig wegzufliegen droht. Schließlich nehme ich sie ab und ziehe mir die Kapuze über meinen Kopf. Ich spüre wie mein Körper ruhiger wird – sobald meine Kopfhörer aufgesetzt sind und die ersten Gitarrenklänge an meine Ohren gelangen.

Plötzlich schießt eine Wasserfontäne in die Luft. Es ist ein Buckelwal, der etwa 300 Meter weit entfernt ist.

 

Dann setzt sich die Sonne durch und ich genieße es, die Wärme der Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht zu spüren. Ich fühle mich frei. Frei von meinen Sorgen, frei von Erwartungen, frei von Gedanken und frei von Ängsten. 

 

Die Fähre bringt mich nach Nanaimo, einer Kleinstadt auf Vancouver Island. Dort steige ich auf eine weitere Fähre nach Gabriola Island um, wo ich ein AirBnb für zwei Nächte gebucht habe. Die Wahl für Gabriola Island ist mir leicht gefallen. Nach meinem dreitägigen Aufenthalt in der Großstadt Vancouver, ist mir nach einem ruhigen Ort zumute. Doch mein Wunsch nach Ruhe bringt einige Herausforderungen mit sich. Die Uhrzeiten der Fähren müssen gut geplant werden, um Anschlüsse von Bus und Fähre zu terminieren. Und es ist auch eine Umstellung. Die Geräusche und das Getummel in der Großstadt gegen Wald und Naturgeräusche einzutauschen. Zudem gibt es auf Inseln weniger Fortbewegungsmittelmöglichkeiten und Supermärkte.

Aber: Meine Erfahrung  vorheriger Reisen sagt mir, diese Risiken bedenkenlos eingehen zu können. Eine weitere Herausforderung betrifft die Finanzen. Die Kosten für das Airbnb-Zimmer sind von der Solo-Reisenden allein zu stemmen und können nicht geteilt werden. Ein Mietauto zu buchen, ist zu teuer. Ich bin also von den öffentlichen Verkehrsmitteln oder einem Mietfahrrad abhängig. 

​

Und dennoch, wenn ich alle Vor- und Nachteile zusammenlege, ist es für mich persönlich die beste Art zu reisen. Denn, so habe ich Flexibilität, was ich am Reisen besonders schätze. Je nach Lust und Laune, der Wetterlage oder Begegnungen kann ich meinen Aufenthalt verlängern, oder meinen Reiseplan ändern.

​

Zurück auf die Fähre: Mein Magen meldet sich: Hunger! In dem Bordrestaurant hole ich mir – ausnahmsweise – Pommes sowie eine Suppe und setze mich an einen Hochtisch. Als meine Augen aus dem Fenster blicken – springt just in diesem Moment ein Buckelwal aus dem Wasser. Wahnsinn!, das ist wie Fern sehen, nur in live, denke ich. Aber außer mir scheint das Schauspiel niemandem aufzufallen. Alle schauen auf ihr Handy. Selbst die Frau neben mir, die wie ich frontal zum Fenster sitzt. Also. Alle, bis auf mich. Ich bin voll da!

 

Stichwort: Digitales Wohlbefinden – ein Thema, das mich in der Forschung und der Lehre an der Universität bereits beschäftigt hat. Das Schreiben und Dozieren darüber hat Spuren hinterlassen. Beim Essen und im Schlafzimmer ist mein Smartphone tabu. Deshalb liegt es auch jetzt in meinem Rucksack und nicht auf dem Tisch. Ich denke: »Hallooo, schaut doch nicht die ganze Zeit auf eure Handys, sondern aus dem Fenster, dann bemerkt ihr auch das spektakuläre Naturschauspiel, das direkt vor eurer Nase stattfindet!«.

Doch: alle sind gefangen in der digitalen Welt. Einer Welt, die mit der Welt und der Natur um uns herum absolut nichts zu tun hat! Das frustriert mich. Doch bevor ich darüber weiter nachgrübeln kann ... springt der Buckelwal wieder aus dem Wasser. Ganz so, als hätte er meine Gedanken gehört. Diesmal ist er noch näher und springt höher als beim letzten Mal. Sein riesiger weißer Unterbauch ist zu sehen sowie seine Kehlfurchen. Mich fasziniert dieses riesige Meeressäugetier, das so viel Energie aufbringt, um seinen schweren Körper aus dem Wasser zu hieven, und so hoch zu springen.

Sein Versuch, menschliche Aufmerksamkeit zu erregen, bleibt diesmal nicht unbemerkt. Ein paar Leute zeigen nun mit ihrem Zeigefinger nach draußen. Na endlich! Zwar ist in diesem Moment die Fensterscheibe noch zwischen mir und dem Buckelwal, aber ich genieße es, einfach mal nur zu schauen, ohne das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen – einfach nur schauen.

​

Der Fährenwechsel gestaltet sich schwieriger als gedacht. In Nanaimo gibt es zwei Hafen, weshalb ein Bus notwendig ist. Dann warte ich 30 Minuten auf den Bus. Ich liebe Inselhopping. Wer mich kennt, weiß das. Vancouver > Nanaimo > Gabriola Island > Vancouver Island > Seattle. Es gibt nichts schöneres, als sich von einer Insel auf die andere Insel von einer Fähre tragen zu lassen. Jede Insel hat ihren eigenen Charme, ihre eigenen Besonderheiten, ihre eigenen Menschen. 

​

Als Gabriola Island vor mir auftaucht, grinse ich in mich hinein. Kanada! So habe ich mir Kanada vorgestellt. Genau so! An der Reling stehend, spritzen mir Wassertropfen ins Gesicht, auf meine Klamotten, auf meine Schuhe – die Kleinfamilie flieht. Aber ich bleibe stehen. Genieße den Fahrtwind, die Wasserspritzer und den Blick auf die wilde Insel, die sich vor mir ausbreitet. 

​

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WETTER

22 GRAD UND SONNIG

UNTERKUNFT

GABRIOLA  CENTRAL  B & B

ORT

GABRIOLA  ISLAND

DATE

AUGUST  16 –  AUGUST  18

ABOUT.

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Zauber

​

Ich trete auf die Straße hinaus.

Gedanken lähmen mich. 

​

Sehe das Grün des Waldes

direkt vor mir.

Nehme den Geruch der Kiefernnadeln, Harz und Erde wahr.

Die Gedanken werden leiser.

​

Ein Windhauch. 

Ich schließe die Augen.

Stelle mir vor, wie die Gedanken
mit dem Wind weiterziehen. 

​

Die Sonne glitzert

durch die Bäume hindurch, 

taucht die Insel in goldenes Licht.

Der Wind streift sanft

durch den Wald.

Die Bäume wiegen von links nach rechts.

Mit jedem Atemzug fühle ich mich leichter.

​

Mein Bewusstsein steht da. 

Eine Fata Morgana?

​

Ein Enheimischer gleitet mit Leichtigkeit

geräuschlos auf seinem E-Scooter

an mir vorbei.

Ich schaue ihm nach.

​

Für diesen einen Moment

bleibt die Zeit stehen.

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ZAUBER.

Irgendwie habe ich mir die Insel anders vorgestellt – so ganz anders. Ich steige von der Fähre und stehe vor der ersten Herausforderung der Insel. »Was soll denn dieser Berg gleich zu Beginn?«, frage ich mich. Verblüfft schultere ich meinen Rucksack und beginne, den 15 Prozent steilen Berg hoch zu marschieren. Kein Bus weit und breit. Es ist Sonntag. Eigentlich ist es gar nicht so warm, es hat nur 23 Grad, aber bei jedem weiteren Meter steigt die Temperatur um ein Grad an – in meinem Körper. Die Autos fahren von der Fähre ab und an mir vorbei. »Die haben es«, denke ich. Ich will jetzt auch Bequemlichkeit! Ein Schweißtropfen gleitet mir von meiner Stirn die Wange hinab. Ich laufe am Straßenrand entlang, da es auf dieser Insel keine Gehwege für Fußgänger gibt. »Eine ganz clevere Idee von dir!«, denke ich, »einfach ein AirBnb zu buchen, ohne sich die Koordinaten vorher anzusehen.« Ich hatte nur einen Kommentar gelesen, dass das Haus zu Fuß gut von der Fähre zu erreichen sei. »Paaaah!, Pustekuchen ...« , von wegen! Dieser steile Berg wird in keinem dieser Kommentare erwähnt!« Ich laufe weiter. Mir zieht es in meinen Waden. Wie lange kann dieser Weg sein? Das sind doch keine 800 Meter, das sind 1,5 Kilometer, mindestens! Ich beginne an meiner Intuition zu zweifeln. »Wie bin ich nur auf die Idee gekommen, auf diese Insel zu fahren?«. »Wieso muss es immer etwas Extravagantes sein, Anja?« »Die An- und Abreise wird mich meine ganze Energie kosten!«

 

Die Gedanken ziehen ihre Kreise. Da! Der kleine Ort hat ein Zentrum. Es besteht aus kleinen braunen Holzhäusern mit grünen Dächern. »Wie süß ist das denn?«, denke ich. Und dann bin ich endlich da: an meinem Airbnb, das sich mitten im Wald befindet. »Das ist ja mitten in der Wildnis«, denke ich. Sofort springt mein ADHS-Gehirn an: »Das ist genau das, was ich will!«, flüstert es mir zu.

​

Ich stehe auf der Hofeinfahrt und frage mich allen Ernstes, ob DAS das Haus meiner Unterkunft sein kann. Haus, Garten und Terrasse sehen etwas heruntergekommen und verwildert aus. »Wohnt da überhaupt jemand?« Es wirkt auf mich irgendwie gespenstisch, ja, verlassen.

​

»Das muss ein Irrtum sein!«, rede ich mir ein. Das Airbnb muss woanders sein. Ich laufe wieder zu der Straße zurück, gleiche die Adresse mit der Adresse in der App ab. Nein, das MUSS es sein. Es gibt kein anderes Haus weit und breit. Für einen kurzen Moment spüre ich Enttäuschung – schließlich habe ich für diese zwei Nächte auf meiner Ruheinsel ein halbes Vermögen ausgegeben.

 

Ich lasse meinen Rucksack auf eine Bank fallen. Mein Kopf sagt: »Ich will sofort eine Dusche!« In der Realität rufe ich: »Helloooooo. Is there someone?«, und laufe um das Haus herum. Keine Klingel. Wo ist die Eingangstür? Unklar! Ich schreibe der Hausherrin eine Nachricht auf Airbnb. Nach zehn Minuten antwortet sie mir: Sie sei im Haus, habe mich aber nicht gesehen. Da nehme ich eine Bewegung auf der Terrasse im ersten Stock wahr: Es ist Nancy, die mir zuwinkt. »Na das wurde aber auch Zeit!«, denke ich.  Mein Wohnbereich befindet sich im Erdgeschoss. Das Zimmer ist groß, gemütlich und hat ein Doppelbett. Nach drei Tagen in einem Zehn-Quadratmeter-Zimmer im Studentenwohnheim fühlt sich das jetzt wie der pure Luxus an.

Jetzt fühle ich mich wie im siebten Himmel! Eine Küche gibt es auch. Nancy erzählt mir, dass sie ursprünglich aus Taiwan komme, nun aber seit vielen Jahren auf Gabriola Island lebe.« Dann läuft sie hinüber zu der Treppe, die zu ihrer Wohnung hinaufführt, und drückt auf einen Knopf an einer Weihnachtsdekoration. Im nächsten Moment blinkt die Weihnachtsdeko in einem grellen Blau und »Jingle Bells« schallt lauthals durch das Haus. Damit hat sie mich jetzt wirklich überrascht. »Was soll denn das bitte? Hoffentlich benötige ich diesen Knopf und dieses Weihnachtsgedudel nie!«, denke ich. Sie bemerkt meine Verwunderung, lacht (lacht sie mich etwa aus?) und sagt in einem gebrochenen Englisch: »Den Knopf könne ich drücken, falls ich etwas von ihr benötige.« »Wie sonderbar!« Ich nicke respektvoll und bin froh, im nächsten Moment in meinem Schlafzimmer verschwinden und mich erholen zu können.

​

Nach einer ausgiebigen kalten Dusche und in frischen Klamotten laufe ich die paar Meter zu dem Village, das das Zentrum des Ortes auf Gabriola Island bildet, und kaufe mir im Supermarkt Nudeln, Pesto, ein Weißbrot, Gemüse und Snacks für den nächsten Tag ein. »Meine Reise-Notfallration«, nenne ich den Einkauf. Als ich aus dem Supermarkt heraustrete und wieder zurück in den Wald laufe, strahlt die Sonne durch die Bäume hindurch und taucht den Ort in ein goldenes Licht. Ich atme den Geruch des Waldes tief ein. Diese Atmosphäre und diese Ruhe. »Wahnsinn!«, denke ich. Ein Teenager rollt mit einer entspannten Haltung den Berg mit seinem E-Scooter hinab. Ich blicke ihm  hinterher. Wie sich das wohl anfühlt, an solch einem Ort mitten im Wald zu leben?, denke ich – ohne zu realisieren, auf welcher Insel ich gelandet bin. 

​

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FUNKEN

Am nächsten Morgen kann ich es kaum erwarten, die Insel zu erkunden. Das Frühstück – ein trockener Toast mit einem kalten öligen Omelett und Fikterkaffe – habe ich schnell heruntergebracht. Jetzt bin ich auf dem Weg nach draußen, in die weite neue Welt des Waldes. Aufgeregt, was mich an diesem Tag wohl erwartet, binde ich mir meine Wanderschuhe. Der erste Reisetag an einem neuen Ort, ist mein Lieblingsreisetag. Dann, wenn ich das Neue, das Unbekannte entdecken darf, auf meine ganze eigene Art und Weise! Nancy hat mir gesagt, wie wichtig es sei, möglichst früh loszukommen, da der Bus selten fährt und mich im Zweifel nicht zurückbringt. Das erzeugt bei mir absolut keinen Druck. Lost auf der Insel des Waldes? Kein Problem! »Hust!«. Da ich das nur schwer glauben kann, halte ich an dem Visitor Centre und wundere mich darüber, dass es auf einer Insel mit 4.500 Einwohnern ein Visitor Centre gibt. Gut gelaunt schlendere ich in das Centre und blicke in ein junges Gesicht eines Einheimischen – der indigenen Bevölkerung Garbiolas. Für einen Moment verschlägt es mir die Sprache und ich denke: »Himmel! Wie kann ein Mensch so rabenschwarzes Haar und so grüne Augen haben?«. Der junge Mann sitzt hinter Theke und fragt mit einem schelmischen Grinsen was mich denn auf dei Insel verschlägt. Ich kann meine Augen nur schwer von ihm abwenden. »Come down! Das ist ein junger Mann, nicht dein Metier«, sage ich mir in Gedanken. Wie schade! Vor 15 Jahren wäre das genau mein Typ gewesen. Er zeigt mir auf der Karte, wo der Bus abfährt und was es auf der Insel zu sehen gibt. Ich bedanke mich und verlasse das Centre mit einer Landkarte der Insel. Das Cafè, das ich passieren wollte, ist an Montagen geschlossen. Also laufe ich zu einem ATM. Das reicht gerade noch so, mir bleiben noch 10 Minuten bevor der Bus am 'Village' abfährt. Der nächste Bus fährt eine Stunde später, weshalb ich diesen nicht verpassen sollte!

​

Der ATM befinde sich auf der anderen Straßenseite, sagen mir zwei Einheimische. Ich stöhne auf, denn für die Busfahrt benötige ich laut dem Einheimischen im Visitor Centre, kanadische Dollar. Der ATM spukt kein Geld aus. Ich gebe Withdrawal an und Savings, nichts! »Liegt das jetzt an meiner Kreditkarte, oder an dem Bankautomaten?«, denke ich. Ohne Cash, keine Busfahrt. Ohne Busfahrt, kein Inselerlebnis. Ich verdrehe die Augen. »Das darf jetzt wohl nicht wahr sein!« Mir fallen ATM's ein, die auf meiner Reise in Australien ebenfalls nicht funktioniert haben. Dasselbe Gefühl: »Kurze Panik, nun ohne Geld auskommen zu müssen.« Mit dem kleinen Unterschied: »Heute bin ich zwölf Jahre (sind das wirklich so viele Jahre??) älter und reifer!« 

​

Ich laufe schnellen Schrittes zurück zur Bushaltestelle. Dort steht ein Minibus mit zehn Sitzplätzen bereit – süß! Ich stelle mich vor die Fahrertür, stemme meine Hände in meine Hüfte und erkläre mit erhobenem Haupt, kein Cash aus dem Bankautomaten herausbekommen zu haben, ob ich trotzdem mitfahren dürfe. Der Busfahrer schaut mich von oben nach unten an und sagt knurrend; »You can get on the bus only with cash!« Oh Mann, auch das noch: ein unkollegialer älterer Mann, der kein Auge zudrückt. Doch ich denke ja gar nicht daran aufzugeben, und bleibe vor der Tür stehen. »Ob es die Möglichkeit gibt, auf der Rückfahrt zu zahlen, wenn ich Geld abgehoben habe?«, frage ich. Jetzt zieht der Busfahrer seine Augenbrauen hoch und schaut mich ungläubig an.

Er macht Anstalten, jeden Moment loszufahren, und zwar, – ganz klar – ohne mich!

Da höre ich einen Fahrgast aus dem hinteren Teil des Busses sagen: »I'll pay for the woman. I mean, that's only three dollars!« Er schüttelt den Kopf und wirft die drei Dollar in den transparenten Plastikkasten, der sich vorn bei dem Busfahrer befindet. Überrascht blicke ich den Mann an und bedanke mich herzlich. Obwohl der Busfahrer meinen Stop kennt, macht er keine Anstalten, mich darauf hinzuweisen, dass wir angekommen sind. Das Ehepaar, das mir die Busfahrt gezahlt hat, steigt aus. Der Mann schaut mich an und sagt: »This is also your stop!« Oh mein Gott, wie peinlich ist das denn? Erst habe ich kein Geld und dann verpasse ich noch meinen Busstop? Schnell springe ich aus dem Bus und bedanke mich erneut. Mir ist das Ganze so peinlich, dass ich zunächst nicht denselben Weg einschlage wie die beiden. Aber wie das Schicksal es will, begegnen wir uns später erneut, als sie gerade versuchen, ein Selfie von sich zu machen. Ohne zu überlegen frage ich sie, ob ich ein Bild von ihnen machen darf. Erfreut nehmen sie mein Angebot an und wir kommen ins Gespräch. Sie kommen beide aus England und sind vor 15 Jahren nach Kanada ausgewandert. Ich erzähle von meinen Reisen nach Australien. Die Zeit vergeht wie im Flug, und Dave erinnert uns daran, dass wir die Insel erkunden wollen. Enttäuscht lasse ich die beiden ziehen. Ich hätte mich noch weiter unterhalten können und sie am liebsten gefragt, ob ich sie begleiten darf. Der Gedanke »Die wollen mit Sicherheit zu zweit reisen!« hält mich davon ab, die Frage auszusprechen. 

Bei der Höhle, die ich laut dem Einheimischen im Visitor Centre und Nancy »unbedingt« gesehen haben muss, begegne ich den beiden wieder. Sie machen ein Bild von mir und wir kommen erneut ins Gespräch. Die beiden sind etwa 60 Jahre alt und leben in North Vancouver, in einem Haus nahe am Meer. »Ein Traum!«, denke ich. Wie selbstverständlich laufen wir gemeinsam zurück zu der Straße und bemerken: »Der nächste Bus fährt erst in eineinhalb Stunden.« Wir blicken uns an und sind uns einig: »Wir brauchen Kaffee, und zwar jetzt!« Ich erkläre ihnen, dass es im Village noch ein zweites Café gebe, das geöffnet haben müsste. Sie sind begeistert, und Tanja sucht auf der Karte – die ich beim Geldautomaten liegen gelassen habe – den Weg heraus. Es sind 30 Minuten zu Fuß.

Jetzt traue ich mich doch, meine Frage zu stellen: ob es ihnen etwas ausmacht, wenn ich sie begleite? Sie schütteln die Köpfe. »Not at all, we would love to have your company!«, sagen sie lachend. Ich bin erleichtert. Wir laufen an der Straße entlang – hintereinander, dann nebeneinander und wieder hintereinander, sobald ein Auto kommt.

Wir verstehen uns bestens und ich bemerke, obwohl mir zuvor nach einem Tag „Me-Time“ war, wie sehr ich die Gesellschaft genieße. 

Vor allem: diese Art von Gesellschaft! Die meisten Engländer, die ich auf Reisen kennengelernt habe, sind sehr sympathisch, haben einen guten Humor und sind offen – so wie Dave und Tanja.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Als wir das Visitor Centre passieren, denke ich an meine verloren gegangene Karte. Wir spazieren durch die grüne Holztür. Der Mitarbeiter an der Theke schaut auf und sagt: »Hello, welcome!« Dann schaut er mich an, grinst und sagt: »And hello again!« Ich werde rot und will in diesem Moment am liebsten im Erdboden versinken. Dieser Tag ist an Peinlichkeit nicht so leicht zu übertreffen. Er wird sich denken: »Wo hat sie denn das Ehepaar aufgetrieben?« Doch Tanja bombardiert ihn umgehend mit Fragen rund um die Insel, und der junge Mann hat alle Hände voll zu tun.

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Das Café ist nicht weit und wir freuen uns über einen Muffin und einen Flat White, den wir uns nach unserer Wanderung an der Straße redlich verdient haben! Das Café ist süß eingerichtet, alles ist mit Holz verkleidet, im Inneren befinden sich gemütliche Lampen und draußen gibt es eine nette Terrasse mit Sonnenschirmen. Um uns herum: Wald. Ich entspanne mich und lehne mich zurück. Wir diskutieren über unseren nächsten Stopp, ganz so, als wären wir bereits seit Tagen miteinander unterwegs. »Es ist wirklich interessant, wie schnell man beim Reisen Gleichgesinnte trifft«, denke ich.

Sie erzählen mir, dass sie mit ihrem Segelboot nach Gabriola Island gesegelt sind und dort ein Stand-Up-Paddle-Board haben, das sie mir liebend gerne leihen würden. Denn ich hatte ihnen mitgeteilt, wie gerne ich mir ein SUP oder Kajak ausleihen würde. Tanja und ich sind von unserer Wandertour so verschwitzt – es ist 13 Uhr und mittlerweile sind es 25 Grad warm –, dass wir einfach nur ins Wasser springen wollen. Dave ist das Wasser zu kalt. Männer!

 

Wir zeigen unsere Tickets und fahren ein paar wenige Stationen bis zum Hafen, wo Tanja und Dave ihr Segelboot vor Anker liegen haben. Wir genießen die Busfahrt, wie bereits zuvor schon. Der Bus fährt sehr langsam um die Insel herum, vorbei an Kunstgalerien, holzfarbenen kleinen Häusern und Bäumen. Das Gefühl lässt sich nur schwer beschreiben, aber es fühlt sich so an, als ob der Bus durch den Wald schwebt und ein leichter Wind durch die Fenster weht. Es ist die Atmosphäre, denke ich. Die Atmosphäre auf dieser Insel. So friedlich. So entspannend. So frei.

​

Und ohne zu wissen, woher dieses Gefühl kommt, lese ich später: Die Insel Gabriola Island besteht aus einer indigenen Bevölkerung, den Snuneymuxw First Nation, sowie aus Zuwanderern aus den 1970er-Jahren – den Hippies. Das kurze Video zeigt einen Ausschnitt aus der damaligen Zeit, als die kanadische Hippie-Bewegung Gabriola Island für sich entdeckt hat. Damals wollten die jungen Menschen ein Leben in der Natur, weit weg von Elektrizität und Maschinen. Künstler, Musiker und andere haben sich auf Gabriola Island eine ganz eigene Kultur geschaffen – eine Community mit einem starken Zusammenhalt, der auch heute noch besteht.

 

Hier findet ihr ein kurzes YouTube-Video von den Bewohnern der Insel, gefolgt von einem selbst gespielten Song auf dem Klavier, und zwar »Yesterday«.

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SONG

YESTERDAY

Als wir an Daves und Tanjas Segelboot ankommen, räumen sie einen Platz im Außenbereich für mich frei und fragen, was ich gerne trinken würde. „Ein kalter Orangensaft ist jetzt genau das Richtige“, antworte ich ihnen. Wir unterhalten uns über ihre Segelambitionen. Sie sind vor Kurzem in Rente gegangen und haben einige Reisepläne. Das Segelboot haben sie sich erst kürzlich zugelegt, erfahre ich. Es hat Platz für vier Personen und ist ihr zweites gebrauchtes Segelboot. Es fehle ihnen aber noch etwas an Segelerfahrung, sagen sie. Darum dauert es auch eine Weile, bis sie das Beiboot startklar gemacht haben und wir uns zu der beliebten Badebucht »Descanso Bay« aufmachen können.

Endlich kommen Tanja und ich auf unsere Kosten und können uns im Wasser abkühlen. Als der Motor des Schlauchbootes anspringt, brechen die beiden in regelrechte Begeisterung aus. Verwundert blicke ich sie an. Mir kommen kurze Bedenken auf: »Ob die beiden das ganze Manöver auch wirklich im Griff haben?!« Das Schlauchboot hat nämlich ein Leck, aus dem immer wieder langsam etwas Wasser herausquillt.

Doch Dave und Tanja sind sich sicher: »Wird schon schiefgehen. Rein ins Abenteuer!«

Wir ziehen uns die Schwimmwesten an und fahren zu der Bucht, die etwa sieben Kilometer entfernt liegt. Gemütlich tuckern wir an verschiedenen kleinen Buchten und Campingmöglichkeiten vorbei. Ich fühle mich wie in einem Film. Zuerst der Bankautomat, dann die Busfahrt, das Segelboot und jetzt das Schlauchboot...

​

Wir beobachten Weißkopfseeadler, wie sie weit über den Wäldern ihre Kreise ziehen. Ein Walbeobachtungsboot fährt in einiger Distanz an uns vorbei. Wo wohl die Orcas sind?

​

Als wir an der Bucht ankommen, springen wir aus dem Boot heraus und Tanja hält mir wie selbstverständlich ihre Wasserschuhe hin – »Wegen der Steine«, sagt sie lächelnd. Dann wagen sich Tanja und ich in das grüne Wasser. Die Kälte kribbelt an meinen Beinen. Ich mag das Gefühl, wenn die Kälte von unten in den Körper hochzieht und dieser sich nach und nach an die niedrige Temperatur gewöhnt. Die Wassertemperatur beträgt nur 15 Grad. Eisbaden ist toll! Ich liebe das Gefühl besonders nach dem Kaltbad, wenn ich die Kälte nachspüre und der Körper Hormone ausschüttet – herrlich! Eisbaden fördert das Herz-Kreislauf-System sowie die Durchblutung. Es ist zudem gut für das Immunsystem: Beim Eintauchen in das kalte Wasser werden Dopamin und Adrenalin ausgeschüttet, was wiederum die Stimmung fördert.

​

Als wir auf einem Baumstamm Platz nehmen, fliegt ein Wasserflugzeug über unsere Köpfe hinweg. Ich erzähle ihnen von meinen Plänen, in Tofino ein Wasserflugzeug nach Victoria chartern zu wollen. Sie sind von meiner Idee hellauf begeistert. »Das höre sich toll an, und wenn ich das Geld aufbringe, solle ich dieses Erlebnis unbedingt mitnehmen!«, sagen sie. Ich denke mir: Wie gut das doch tut, mit Menschen Zeit zu verbringen, die mich verstehen. Sie sind unbeschwert, natürlich, optimistisch und sie denken positiv! Sie wiegen das Für und Wider nicht einundfünfzigmal ab, nur um die Idee dann doch im Sand verlaufen zu lassen. Sie bestärken mich einfach in dem Bedürfnis, mit dem Wasserflugzeug zu fliegen!

​

Auf dem Rückweg wird uns mit den nassen Haaren und dem Wind kalt. »Bald bin ich ja dann in Kalifornien. Da ist es ja wieder warm!«, denke ich und lächle. Aber bevor ich mir weiter warme Gedanken machen kann, kippt die Stimmung, denn auf halber Strecke gibt der Motor seinen Geist auf. »Das darf jetzt nicht wahr sein!«, denke ich.

Es vergehen einige Minuten, in denen wir still vor uns hinzittern, während Dave bemüht ist, den Fehler zu finden. Auch beim zweiten und dritten Versuch springt der Motor jedoch nicht an. Da bemerken wir, dass der Schlüssel herausgefallen ist, und stecken ihn wieder hinein. Siehe da: Der Motor springt an. Noch einmal Glück gehabt!

Zurück auf dem Segelboot bieten die beiden mir Kekse und einen warmen Tee an, um uns von den Strapazen und der Kälte zu erholen. Wir wärmen uns auf und Dave freut sich, dass uns noch eine halbe Stunde gemeinsame Zeit bleibt. Deshalb werden sie mich später mit ihrem Schlauchboot direkt bis vor die Bushaltestelle fahren.

Wir tauschen unsere Nummern aus. Da ich ihnen auch von meinem Reiseblog erzählt habe, schreibe ich ihnen den Namen der Website auf. Die Nachricht, die mir Tanja daraufhin schickt, wird mich leider nie erreichen – da wir offensichtlich die falsche Nummer abgespeichert haben. Als ich schon auf dem Holzsteg bin, rufen sie mich zurück: Ich habe noch die Schwimmweste an.

Ich werfe sie ihnen ins Boot und winke ihnen ein letztes Mal zum Abschied zu, bevor ich mich auf den Weg zur Bushaltestelle mache. Tanja hat mir noch drei kanadische Dollar für die Busfahrt zugesteckt. In diesem Moment komme ich mir wie ein Kleinkind vor, für das gesorgt werden muss. Aber nur ein bisschen. ;)

​

Dieses Mal sitzt im Bus ein anderer Busfahrer. Er hat eine positive Energie, die sofort auf mich überspringt. Ich leere die Coins im Geldbeutel in den Plastikbehälter vorne im Bus. Offensichtlich haben sich in meinen Geldbeutel philippinische Coins geschmuggelt. Sie purzeln nun zusammen mit den kanadischen Cents in den Plastikbehälter. Der Busfahrer grinst und sagt: »Immer herein damit, wir nehmen alles an!«

»Na, da bin ich ja froh!«, sage ich lachend und setze mich beschwingt auf einen Sitzplatz. Ach, wie herrlich!

​

​

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Die verzauberte Busfahrt

​

Meine bargeldlose Hartnäckigkeit
führt mich zu einer unvergesslichen Bekanntschaft!
Zu der mit Tanja und Dave.
Wir verstehen uns auf Anhieb!

​

Die beiden geben mir das Gefühl, auf der Insel mitzufahren, anstatt nur dabei zu sein.
Sie sind genau zum richtigen Zeitpunkt da,
als ich einen Moment der Not verspüre.

​

Wir freunden uns an,
verbringen den Nachmittag gemeinsam.

​

»Eine halbe Stunde haben wir noch!«, höre ich Dave sagen.

​

Es klingt so,
als ob er die Minuten zählt.
Die Minuten, die uns dreien noch bleiben.

​

In diesem Moment
hätte er keine treffenderen Worte wählen können.

​

Worte, die mir das Gefühl geben:

​

»Die Zeit mit dir ist kostbar.
Du bist wertvoll!«

VANCOUVER

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WETTER

24 GRAD UND SONNIG

UNTERKUNFT.

PACIFIC SPIRIT HOSTEL

@ UBC

ORT.

VANCOUVER

HIGHLIGHTS.

WRECK BEACH; UBC CAMPUS

STAY.

Orangefarben leuchtet der Himmel am Abend.

Mini-Fähren tuckern vorbei.

Strände laden zum Verweilen bei Sonnenuntergang ein.

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ABOUT.

AREA.

STRÄNDE, REGENWALD

DATE.

AUGUST 13 – AUGUST 16

Utopie.

​

Um mich herum: Regenwald.

So weit das Auge reicht.

Alles ist grün. So grün.

​

Die Sonne taucht den Himmel in

ein orange-farbenes Licht.

​

Musik hallt vom Strand herauf. 

Einheimische spielen Rythmen auf ihren Trommeln. 

Niemand hat ein Handy in der Hand. 

Ich nehme den Moment in mir auf.

Der Moment wirkt auf mich wie eine Utopie.

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Bewusstsein.

​

Die Reisende wird von ihrer Neugier angetrieben.

Sie hat ein Bewusstsein für das Besondere.

Für das, das andere nicht wahrnehmen. 

​

Eine wirklich Reisende ist nicht an Sehenswürdigkeiten interessiert, sondern daran, Momente zu erleben, die ihr Leben bereichern. 

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PLAY.

Vancouver nimmt mich vom ersten Augenblick an gefangen.

Dieser orangene Himmel, hervorgehoben – leider – durch Waldbrände im inneren Kanadas.

​

Studenten und Studentinnen wuseln um mich herum. 

Der Campus der Universität von British Columbia (UBC) wirkt, als wäre er in die Natur integriert worden. Wahnsinn!

Alles ist grün. Moderne Gebäude wechseln sich mit Gebäuden im europäischen Stil der Neugotik sowie mit Gebäuden des Brutalismus sowie Holzfassaden ab. 

​

Ein Linienbus hat mich von der Tram, die ich vom Fughafen genommen habe, bis zur Haltestelle UBC Exchange gebracht. Und schon befinde ich mich mitten im Uni-Leben. Es ist später Nachmittag.

​

Studentinnen und Studenten laufen plaudernd an mir vorbei.

Lachen, tauschen sich aus. Ich registriere erfreut: niemand nimmt Notiz von mir. Trotz meines riesigen roten Rucksacks auf meinen Schultern.

Ich installiere das Wifii, das auf dem ganzen Campus kostenlos erreichbar ist.

​

Dann laufe ich los.

Es herrscht eine angenehme Atmosphäre auf dem Campus. Die Studenten stecken mich mit ihrer fröhlichen Art an. Bereits nach ein paar Minuten fühle mich mich wohl. So, als wäre ich bereits ein Teil von diesem Studentenleben. 

​

Der Weg zum Studentenwohnheim ist einfach. Als ich zum dem Pacific Spirit Hostel komme, taucht die Sonne den Campus in ein goldenes Abendlicht. An der Rezeption angekommen ist es augenblicklich vorbei mit der Harmonie.

​

Es tümmeln sich etliche Jugendliche überall. Auf den Fluren, vor den Gebäuden, im Garten. Es herrscht eine ohrenbetäubende Lautstärke.

​

»Summer School«, sagt der junge Mann an der Rezeption nur und zuckt mit den Schultern. »It's only for a few days. They will be in another building.« Mein Kopf schreit 'Ruuuuhe!!' Ernsthaft!?, denke ich genervt. Mein Aufenthalt ist auch nur für ein »few days«.  

​

Die Kinder sind so um die 16 Jahre alt, gröllen, trinken, schmeißen sich gegenseitig um und lachen laut. Oh man! Jetzt nur nicht aufregen. Das wird schon, denke ich. Das ist nur der Jetlag. 

​

Das Studentenwohnheim ist auf mehrere sehr alte Gebäude verteilt und schon etwas heruntergekommen. Es riecht seltsam nach Urin oder anderen Habseligkeiten. In meinem mir zugeordneten Zimmer knallt die Sonne herein. Es hat gefühlte 30 Grad.

 

Es vergehen keine fünf Minuten, da stehe ich wieder vor der Rezeptionistin und bitte um ein Zimmer zur anderen Seite hinaus. Das andere Zimmer ist in einem anderen Gebäude, riecht zwar genauso seltsam, ist jedoch etwas kühler und es weht ein Wind durch das Fenster. Also, schultere ich erneut meinen Rucksack und laufe zu dem anderen Gebäude. Als ich dort ankomme bin ich spätestens jetzt völlig verschwitzt.

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Endlich kann ich unter die Dusche springen, schreibe noch ein paar Nachrichten an Freunde und Familie, dass ich gut angekommen bin, und lege mich in mein Bett. Das fühlt sich sehr gut an.

Es ist 21 Uhr – Der Jetlag packt mich – es sind neun Stunden zurück. Augenblicklich schlafe ich ein.

ORANGE. GRÜN.

In Vancouver überwiegen die Farben orange und grün. Orange für den Sonnenuntergang und grün für den Regenwald. Die Wolkenkratzer täuschen. Die Stadt selbst zählt nur 600.000 Einwohner und Einwohnerinnen, wobei die Metropolregion Vancouver 2.6 Millionen Menschen zählt. Im Vergleich sind das in Sydney 5.6 Millionen. 

Am ersten Tag schaue ich mir in Vancouver den Hafen und Granville Island an. Granville Island ist bekannt für seine Kunst und für guten Fisch. Ich bestelle mir in einem Fish and Chips-Restaurant, Lachs mit Salat sowie zwei Austern. Sehr lecker! Und nehme dann eine der vielen Mini-Fähren zum Olympic Village. Als ich so am Hafen entlanglaufe gibt es nirgendwo Kaffee. Ich laufe in die Stadt und das Cafè befindet sich zufällig in der Chinatown. Ich werde dort niemals angelangen, denn ich laufe direkt in die Zone, in der Drogenabhängige auf der Straße sitzen. Ich drehe sofort um. Das ist mein erster Kontakt mit der Drogenszene auf der Reise. Es ist Tag eins.

 

Mein Gehirn braucht danach einen Moment, um wieder herunterzukommen. Plötzlich sehe ich viele seltsame Menschen und fühle mich entsprechend unwohl, vor allem in dem etwas heruntergekommenen Einkaufszentrum. Solche Momente werden nicht in Bildern festgehalten, doch sie begegnen dir auf der Reise immer wieder.

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Über die Plattform Couchsurfing bin ich seit meiner Ankunft in Kanada mit Greg in Kontakt. Er wohnt in Vancouver und wir verabreden uns zum Frühstück für Samstag und wollen danach verschiedene Aussichtspunkte mit Blick auf Vancouver abfahren. In der Stadt ist viel los mitten im August. 

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Wir unternehmen eine Wanderung durch den Regenwald. Auf dem Weg dorthin kommen wir bei einer Lachs-Konstruktion vorbei. Es wird dargestellt, wie Lachse am Ende ihres Lebens zu ihrer Brutstelle im Fluss zurückschwimmen und dafür eine Distanz von 3.000 Kilometer im Fluss Yukon in Kanada gegen die Strömung zurücklegen. 

Es ist interessant, denn die Lachse springen mindestens dreißig Zentimeter hoch! 

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Die Wanderung führt über mehrere Brücken und über einige Waldwege mit Wurzeln. Der Wald ist so dicht, dass die Sonne kaum hindurchkommt.

Es ist so friedlich, als wären wir hunderte Kilometer von der Großstadt entfernt. 

Man hört nur das Zwitschern der Vögel und das Plätschern des nahegelegenen Wasserfalls.

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