
VANCOUVER
ISLAND
#2 FÜHLEN




ABOUT.
AREA
WHALES
DATE
AUGUST 18 – AUGUST 19
ORT
VICTORIA
HIGHLIGHTS
ORCAS, BUCKELWALE
TRAUMWELT
Immer wieder tauchen sie in meinen Träumen auf. Jahr für Jahr, Traum für Traum: Orcas. Manchmal ist es ein einziger Orca. Manchmal schwimmt er vor mir her im Wasser, manchmal springt er aus dem Wasser heraus. Manchmal ist er in einer Gruppe. Immer ist er fröhlich. Nie habe ich Angst vor ihm, immer fühle ich mich zu ihm hingezogen.
In Australien ist er 2024 der Grund, weshalb ich meinen damaligen Partner nachhause schicke und in Südwestaustralien verweilen bleibe. Am Australia Day, dem 26. Januar mache ich meinen Traum wahr, Orcas bei einer Tour durch Bremer Bay zu sehen. Doch daraus wird nicht wirklich etwas, denn ich werde schwer seekrank. Es dauert zwei Stunden, bis wir endlich bei den Orcas ankommen, und zu diesem Zeitpunkt ist meine Seekrankheit auf dem Hoch. Ich nehme die Orcas nur verschwommen wahr. Das Boot schwankt, mein Körper schwankt und in mir drin schwankt alles. Ich muss mich ständig übergeben.
Ob die Orcas mir damals haben etwas sagen wollen?, frage ich mich. Das Schwanken, es ist nicht nur das Boot. Es ist mein damaliges Leben, das ohne sich bewusst zu sein, bereits aus den Fugen geraten ist. Ich habe den Zugang zu mir, zu meinem inneren Selbst verloren.
Und die Orcas haben dies durchschaut. Sie rufen mir zu: So kannst du nicht weitermachen. Das bist nicht du. Auch wenn du jetzt hier bei uns in Australien bist. Du kannst uns nicht fühlen. Spürst du das? Du bist nicht hier bei uns. Ändere dein Leben!, und dann ... komm zu uns zurück!
Jahrelang begleiten Sie mich in meinen Träumen:

VICTORIA
Seit meiner letzten Begegnung mit den Orcas in Australien sind zweieinhalb Jahre vergangen und mein Leben hat eine 180 Grad-Wendung hinter sich. Alle Deckel habe ich behutsam geöffnet, bearbeitet und sie – wenn nötig – ausgetauscht. Doch am allerwenigsten hat mein eigener Deckel auf mich gepasst.
Als ich heute in dem Boot auf der Walbeobachtungstour sitze, schwankt gar nichts. Ich spüre den Fahrtwind deutlich, wie er mir um die Nase weht. Ich spüre die Sonnenstrahlen wie sie mein Gesicht wärmen, sehe wie sie auf dem Meerwasser klitzern und spüre das Kribbeln in meinem Bauch, durch die steigende Vorfreude. Die Vorfreude darauf, die Delfine endlich bewusst wahrzunehmen.
Am Nachmittag ist mein Wasserflugzeug in Victoria gelandet. Ich kann die Erlebnisse nur schwer einsortieren, weil sie so groß sind und so schnell aufeinanderfolgend. So, als würde ich von einem Traum direkt in den nächsten Traum purzeln. Das Walbeobachtungsboot habe ich gerade rechtzeitig erreicht. Ich tausche noch schnell meine verschwitzten Klamotten gegen trockene in der Toilette ein. Es hat heute 30 Grad und ich bin eben mit meinem riesigen Backpack zwei Kilometer an der Harbour entlang und durch die Stadt bis zum Pier gelaufen. Immer wieder muss ich stehenbleiben, um Luft zu holen. Energie: Wo ist sie, wenn man sie braucht? Im Restaurant The Beaver, hatte ich zum Glück ein großes Lunch gegessen, weshalb mein Hunger nicht so riesig ist.
Eingepackt mit Mütze, zwei Windjacken, Wanderschuhen und zwei Hosen steige ich in das Walbeobachtungsboot. Es gibt noch ein paar Instruktionen. Wir sollen uns bitte keine Hoffnungen machen, Orcas springen zu sehen, das machen sie sehr selten, sagt die Tourguidin zu uns. Ich nicke mit dem Kopf, und denke, das weiß ich schon. Bei meiner letzten Begegnung in Bremer Bay sind sie auch nicht gesprungen.
Diesmal habe ich mich für ein Boot ohne Dach entschieden. Lieber ist es mir eiskalt, als übel. Das ist der Gedanke dabei. Da ich erst um 16 Uhr mit dem Wasserflugzeug gelandet bin und am nächsten morgen die Fähre nach Seattle nehme, habe ich die Sunset-Tour gebucht, obwohl ich die am Nachmittag bevorzugt hätte, um die Orcas besser sehen und fotografieren zu können. So sind meine Gedanken dazu. Die Walbeobachtungstour kostet mich 160 Euro. Das ist um einiges weniger als in Bremer Bay! Hoffentlich lohnt sich der ganze Aufwand, denke ich übermüdet.
Buckelwale





Wir sehen uns die Seelöwen und Seerobben auf den Felsen an, und kommen an einem Weißkopfseeadler vorbei, der sich gerade auf einem Felsen im Wasser ausruht oder Jagd auf seine nächste Beute macht. Als ich plötzlich ein ohrenbeteubends Geräusch ganz aus der Nähe wahrnehme. Ich kann es nicht sehen, nur hören und spüren. Es ist, als wäre nebenan ein Boot oder ein Auto ins Wasser gestürzt. Mein Körper zuckt kurz zusammen. Das war sehr nahe. Zu nahe? Die Guidinen sind jedenfalls entspannt, also Entwarnung. Da ist soeben lediglich ein Buckelwalweibchen aus dem Wasser gesprungen.
Es fühlt sich an, als ob ich mittendrin bin, in einer Expedition, mitten in einem Dokumentationsfilm, anstatt nur dabei. Ich spüre die Gänsehaut unter meiner Jacke, nicht vor Kälte, sondern vor Enthusiasmus.
Um mich herum sprüht das Leben. Und ich habe besonders viel Spaß dabei, alles mit meiner Fujifilm XT30-Kamera und dem neuen 85mm-Objektiv, das ich just für diesen Moment kurz vor der Abreise gekauft habe, festzuhalten.

Orcas
Und dann sind sie plötzlich da. Erst vereinzelt und zum Sonnenuntergang können wir zwei Dutzend Orcas ausmachen, drei bis vier Familien befinden sich in dem Gebiet, das wir soeben mit dem Boot durchfahren. Wir sind nur 30 Personen auf dem Boot. Ich kann mein Glück nicht fassen. Es sind die größeren Männchen, einige Weibchen aber vor allem auch Kälber.

Zuerst begrüßt uns ein Kälbchen freundlich. Sagt: »Hallo, schön, dass ihr da seid!«
Ich nehme diese Begrüßung zufällig mit meiner Kamera im Video auf:

Und die Kälber haben auch lust auf eine Vorführung zum Sonnenuntergang. Sie springen aus dem Wasser und ich drehe mich im Kreis, will am liebsten alles gleichzeitig festhalten: Die vorbeischwimmenden Orcas, den Sonnenuntergang, die Sprünge der Kälber.
Der Moment fühlt sich gut an, Er fühlt sich richtig an. In diesem Moment weiß ich, diese Reise ist meine Reise. Meine Reise ganz allein. Und, diese Reise ist richtig, sie geschieht genau zum richtigen Zeitpunkt. Und, ich habe mir diese Reise verdient. All das hier habe ich mir verdient. All die Monate, an denen ich an mir gearbeitet habe, in denen ich durch schwere Zeiten gegangen bin...dies ist mein Triumph! Die Orcas, sie spüren es. Und ich spüre sie. Ganz nah.
Mein Herz klopft. Es sind Familien, die ich in der Realität wahrnehme. So, wie in meinem Traum. Doch dieses Mal ist es Wirklichkeit. Dieses Mal ist es kein Traum.
Dieses Mal passiert es mir wirklich!
Und ich bin auch nicht seekrank, kann alles wahrnehmen, aufnehmen, spüren.
Es fühlt sich so an, als ob eine jahrelange Last von mir in diesem Moment abfällt.
Die Last einer schweren Zeit, durch die ich gegangen bin. Und die ich überstanden habe.
Die Orcas sagen mir das. Sie sagen: Siehst du, all das war es wert. All die Kämpfe, all die Lektionen, all die steilen Wanderungen. Du hast sie gemeistert. Und darum siehst du uns springen, weil wir das feiern. Weil wir Dich feiern!




TOFINO
Im Bus durch Tofino. Es fühlt sich an, als ob der Bus schwebt. Eben haben wir Long Beach und weitere Strände passiert, die mich an Raglan in Neuseeland erinnern. Dunkler Sand, ewig lange Sandstrände. Surfer. Ich beginne vor mich hin zu träumen.
Tofino. In erster Linie hat mich der Name des Ortes angesprochen. Und: weil es hier ein Hostel gibt. Ich lasse in solchen Momenten gerne den Zufall entscheiden. Das Hostel schaut gut aus. Es sind nur noch zwei Nächte in der Woche verfügbar. Ich buche sofort. Den Ort schaue ich mir vorher nicht an. Meine Reisen leben von Überraschungen.
Der Bus nimmt die nächste Straße nach rechts. Tofino Downtown.
Der Busfahrer ist ein Kanadier, der seine Worte irgendwo auf einer anderen Bustour verloren haben muss. Er spricht kein einziges Wort während der dreistündigen Busfahrt. Als ich in den Bus gestiegen bin gibt er mir mit seiner tiefer Stimme und einem Kopfschütteln zu verstehen, wie es ihm missfällt, dass ich ihm zu spät ein Zeichen gegeben habe, meinen Rucksack als erstes in den Bus zu hieven, da mein Stop der letzte ist.
Nun denn. Ich setze mich in den kleinen Bus, der über die Insel fährt (LinkBus) und esse genüsslich meinen Pink Lady-Apfel, den ich noch aus Deutschland übrig habe. Da erscheint der Busfahrer direkt vor mir an der Tür: »You're not allowed to eat in this bus!« Ich denke: Moment mal. 3.5 Stunden nichts essen? Das soll ja wohl ein Witz sein.
»Are you joking!?«, frage ich. »I am not joking!«, antwortet er. Na super. Der hat mich gefressen, denke ich, esse noch ein paar Bissen von dem Apfel und schmeiße ihn in den Müll.
Wir fahren über eine Anhöhe, die Straße liegt auf einem Hügel, links und rechts befinden sich Shops, Cafès und rechts erstreckt sich die Harbour von Tofino, dahinter erheben sich die Berge. Sie werden erst später sichtbar werden, wenn die Wolken und der Nebel verschwinden.
Meine Augen wandern von links nach rechts. Tofino erinnert mich an kleine Surfer-Orte. In Neuseeland und in Australien. Irgendetwas zwischen Raglan und Margaret River. Alles wirkt so unwirklich. Wie ein zusammengesetztes Bild aus einem Traum.
Nach ein paar Metern zu Fuß erstreckt sich ein rotes Holzhaus: meine Unterkunft. Das Holzhaus hat riesige Fenster, die zum Wasser ausgerichtet sind. Wahnsinn!, denke ich.
Im Hostel hängt ein Schild, auf dem steht: beim Herausschauen solle man darauf achten, welche Tiere man sehen könnte. Orcas, Weißkopseeadler, Otter.
Da ich erst um 17 Uhr einchecken kann, erkunde ich den Ort, gehe verschiedene Touren-Anbieter ab.
Der Nebel löst sich langsam auf und die Sonne strahlt hindurch. Und ich strahle mit ihr. Ein paar Meter weiter, ebenfalls direkt am Wasser gelegen, befindet sich bereits das nächste Café.
»Can I have one Flat White with Oat Milk, please«, sage ich.
Der Scone, der 20 Prozent reduziert ist, ist zufällig mit Chilli und Jalepeno. Aber kann das alles wirklich Zufall sein?
Der Kaffee und der Scone mit Blick auf die Harbour, schmecken jedenfalls wahnsinnig gut. Himmlisch. Wie perfekt kann ein Ort sein?, frage ich mich und grinse in mich hinein.
Da bemerke ich: meine Butter,die mir zu dem Scone serviert wurde, ist weg. Wo ist meine Butter? Eben war sie doch noch da vor mir auf dem Tisch gelegen. Ich bin nur kurz zurück, um den Kaffee zu holen. Die Raben müssen mir die Butter, die in einem Plastikbehälter war, stibitzt haben. Raffiniert! Böse schaue ich die Raben an und mache es mir im Inneren des Cafés gemütlich.
Am Abend koche ich mir einen frischen Lachs mit Kartoffeln im Hostel. Die Küche ist sehr gut ausgestattet, sauber und groß. Zum ersten Mal auf dieser Reise treffe ich Deutsche. Das Hostel ist auch ein Hotel. Es hat Einzel-, Doppel- und Mehrbettzimmer. Ich bin mit fünf anderen im Zimmer. Einer weiteren Deutschen, einer Österreicherin, einem Engländer, einem Belgier und einer Schottin. Multikulti. Alle sind zwischen 25 und 40 Jahren alt und ich bin überrascht wie freundlich und offen jeder und jede von ihnen ist.
Augenblicklich entspanne ich. Ich lasse alles offen im Zimmer herumliegen. Laptop, Handy, Kamera. Das ist das Hostellife. Sie fragen mich, ob ich sie begleiten will. Sie gehen heute Abend etwas trinken. Ich werde sagen später nachzukommen in das Beer House, an dem ich sie nicht treffen werde, da sie bereits weitergezogen sind. Ich trinke dort ein local alkoholfreies Bier einer Brauerei aus Tofino und chatte mit dem Kellner.
Nach null Uhr kommen sie wieder in das Zimmer geschneit. »Why are you still awake, Anja?«, fragen sie mich. »It's my Blog-time, you know..«, antworte ich und grinse.

ABOUT.
AREA
WHALES & SURFING
DATE
AUGUST 16 – AUGUST 18
ORT
TOFINO
HIGHLIGHTS
ROOM MATES, SURFING


Der Nebel zieht an mir vorbei, durch mich hindurch. Kleine Wassertropfen spritzen auf mich herab. Ich schließe meine Augen. Mein Körper zieht die Wassertropfen wie einen Schwamm in sich auf.
Es sind Energiequellen. Sie werden mir später in meinem Leben Kraft geben. Sie werden mich für immer an diesen Moment erinnern. Den Moment, als meine Zimmerkameraden und ich zum Surfen aufgebrochen sind. Es fühlt sich gut an. Alles hier fühlt sich so unglaublich gut an.



PODCAST
TOFINO
SURFING
Ich komme gerade von meinem Spaziergang durch Tofino zurück. In der Küche höre ich »Surfen«. An jeder Ecke. »Have you been surfing today?«. Selbstverständlich hatte ich bei Kanada als allerletztes an Surfen gedacht. »Du bist neu!«, sagt eine Frau und zeigt auf mich. Okay. In diesem Hostel scheint jeder Neuzugang sofort aufzufallen. Ich fühle mich wohl, auch wenn das halbe Hostel deutsch ist.
Soeben habe ich alle Touranbieter durchforstet. Keiner bietet eine Tour an, die mich überzeugt. Ich beschließe die Wanderung durch den Wald zu einem Strand zu machen.
Im Hostelzimmer fragen mich meine Zimmerkollegen
»Do you wanna come surfing with us tomorrow?«. Ist das deren ernst? Ich sage sofort zu und frage mich. Ist das der Ort, sind das die Menschen? Alles fühlt sich hier so einfach und schwerelos an.
Am nächsten Tag mache ich mir ein »äußerst« gesundes Vesper, wie Charlie meint. Ein Brot mit Salat und Cheddar, und eine Banane.
Es wird mit später neue Energie geben noch weitere 30 Minuten zu surfen. Wir fahren mit zwei Autos zum nächsten Surfshop. 48 kanadische Dollar. Das sind etwa 30 Euro. Für sechs Stunden. Die Surfbretter werden auf die Autos gepackt. Und schon geht es los.
Lange habe ich mich nicht mehr so lebendig gefühlt. Liebe junge Menschen um mich herum, Weißkopfseeadler, guter Kaffee, leckerer Fisch, ein tolles Hostel, ein Ort mit unglaublicher Atmosphäre und Surfen. Was kann es schöneres geben?





WASSER
FLUGZEUG
Ich habe es mir soeben in einer der Sofaecken mit Kissen in meinem Hostel 'Whalers Guesthouse' gemütlich gemacht und beobachte die Wasserflugzeuge wie sie über mich hinwegfliegen, und auf dem Wasser zum stehen kommen. »Wie sich das wohl anfühlt, in einem Wasserflugzeug zu sitzen und auf dem Wasser aufzusetzen?«, denke ich.
Ursprünglich hatte ich damit spekuliert nach Orcas Island überzusetzen. Da sich das aber als ein viel zu kompliziertes und teures Verfangen herausgestellt hat, diese Idee wieder verworfen. Allerdings hatte ich dadurch herausgefunden, dass von Tofino aus Wasserflugzeuge nach Vancouver und Victoria starten und das zu einem recht passablen Preis. In Australien hatte ich bereits mit einem Motorflugzeug Broome, die Horizontal Falls und die Kimberleys überflogen. Und wusste darum um das einmalige Erlebnis, das mich erwarten würde. So buchte ich kurzerhand noch auf dem Sofa im Hostel sitzend mein Wasserflugzeug nach Victoria am darauffolgenden Tag. Später sollte sich herausstellen, dass es sich nicht nur um einen Flug, sondern sogar um zwei Flüge via Halt in Vancouver handeln sollte. Mein Gedanke: »I booked one flight and got two flights in for one price« Haha!
Es war schon lange mein Traum gewesen mit einem Wasserflugzeug zu fliegen. In Dokumentationen und Filmen, die in Kanada spielten, hatte ich sie bewundert. Das sah so sehr nach Abenteuer aus!
Als der Himmel am Tag des Abfluges wolkenfrei war und ich vor dem Wasserflugzeug stand, durchströmte mich ein Gefühl der Sehnsucht nach mehr. Mehr Leben spüren zu wollen. Ganz egal, wieviel das kostet! Freiheit ist es mir wert. Denn Freiheit fühlt sich gut an – saugut sogar!
Als wir abheben und ich über Vancouver Island gleite, kleine Seen ausmache, Wanderwege, Wald, im Hintergrund Berge und dann wieder das Meer sehe...denke ich...»jetzt bin ich endgültig im Schlaraffenland gelandet!«.






















