
SEATTLE
#3 ERKENNEN
Träume dir
dein Leben schön und
mache aus diesen Träumen eine Realität.
Marie Curie
STAY.
WETTER
22 – 26 GRAD; SONNIG
UNTERKUNFT
HOSTEL FISH SEATTLE
ORT
SEATTLE – DOWNTOWN
AREA
GRAFFITIS, INSELN
Die eigene Identität entwickelt sich insbesondere bis zum 25. Lebensjahr. Sie entwickelt sich auch danach weiter, doch im Jugend- sowie im jungen Erwachsenenalter ist der Einfluss immens. Das Gehirn erlebt Momente intensiver und lernt, Beziehungen und Freundschaften einzugehen. Die Hälfte der Identität ist genetische Veranlagung. Die anderen 50 Prozent sind Umwelteinflüsse.
In der Jugend entwickelt sich die Basis der Identität, wobei die Genetik einer ständigen Wechselwirkung aus den Umweltfaktoren Familie, Gesellschaft und Freunden unterworfen ist.
Neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge entwickeln sich Identität und Persönlichkeit jedoch im Laufe des Lebens stärker weiter als vermutet. Umweltfaktoren haben damit einen großen Einfluss auf die Identität.
Identität ist also wandelbar.




DAS THEMA »IDENTITÄT«
PODCAST
SEATTLE
Die Fähre schwappt gemächlich vor sich hin.
Amerika ist in Sichtweite.
Amerika.
Das Land der Freiheit.
Das Land der Spielfilme.
Das Land der Highways.
Trump.
Und doch bin ich jetzt hier,
lasse mir das Land nicht verbieten.
Die Fahrt sprüht Wassertropfen auf die Fensterscheiben.
Wolken legen die Stadt in einen grauen Schleier.
Die Aufregung überwiegt.
Die Neugier auf das, das da noch kommt. Und.
Einfach, zu sein.
PODCAST
SEATTLE ENGLISH
STAY.
PROBS
DOWNTOWN
MENSCHEN
COLLIEN
HIGHLIGHTS
KUNST, BAINBRIDGE ISLAND

Ich setze meinen Weg zu Fuß fort und frage zwei Frauen – sie sind sportlich gekleidet und etwa Mitte 40, eine von ihnen hält lässig einen Kaffeebecher in ihrer linken Hand –, ob ich sie fragen darf, wo denn das nächste Café sei. »It’s just in that building here behind. That’s where I got the coffee from«, antwortet die Frau, und beide lachen. Sechs Euro zahle ich für meinen Flat White und denke: Meine Kreditkarte wird in den USA wohl stärker belastet werden als in Kanada.
In Kanada musste sie bereits einiges erdulden. In Kanada und in den USA kostet ein Bett in einem Mehrbettzimmer eines Hostels nahezu das Dreifache von dem in Australien. Die Lebensmittelkosten sind ebenfalls hoch.
Mit einem Kaffee gestärkt laufe ich los in Richtung Hostel und muss zunächst an der Ampel warten, an der ein lauter Zug vorbeirauscht. Ich stehe dort und die Minuten verinnen. Ich werde ungeduldig. Muss dieser ewig lange Zug ausgerechnet jetzt vorbeifahren, wenn ich meinen schweren Rucksack auf dem Rücken trage? Und wieso in aller Welt fährt dieser Zug eigentlich mitten durch die Stadt?
Seattle ist hügelig. Das bemerke ich spätestens jetzt. Mit meinem schweren Backpack laufe ich den ersten Hügel herauf. Auf Google Maps sah das so flach aus, denke ich. Der zweite Hügel. Ich spüre, wie der Schweiß meine Kniekehlen hirunterrinnt. Nur noch eine Kreuzung, denke ich. Der dritte Hügel. Irgendwann muss das noch mal vorbei sein.
Der vierte Hügel. Eine Kreuzung. Noch eine Kreuzung.
Und dann bin ich endlich angekommen: am Hostel Fish, das laut Google eine sehr gute Bewertung hat. Zu Anfang sehe ich keinen einzigen anderen Traveller. Die vermeiden wohl alle die USA, denke ich.
Das Hostel ist sauber, die Zimmer sind groß. Ich bin in einem gemischten Schlafsaal mit vier Betten untergebracht. Da das Bett im Frauenschlafsaal ausgebucht ist. Dies ist auch der Grund, weshalb ich später Collien kennenlernen werde. Eine interessante Begegnung, die ich wohl in meinem Leben niemals vergessen werde.


Als ich von der Dusche zurückkomme sitzt dort ein Typ namens Collien und beginnt eine Gespräch mit mir in einem amerikanischen Kauderwelsch – ich verstehe nur Bahnhof, und frage bei jedem zweiten Satz: »What did you say?«.
Collien ist in meinem Alter, ist in einem Vorort von Seattle aufgewachsen und trägt seine blond gefärbten Haare zu einem Zopf gebunden. Im ersten Moment wirkt er äußerst unsympathisch auf mich. Als mir seine Vape auffällt, die er in seiner Hand hält, mache ich ihm unverblümt klar, dass er das »Vapen« in diesem Hostelzimmer zu unterlassen hat – und erschrecke selbst über meine Direktheit.
Bei dem Thema Rauch und passiv rauchen werde ich schnell ungemütlich. Der
Kommentar scheint mir jedoch ansttat Minuspunkte, Pluspunkte bei ihm in Bezug auf Respekt eingesammelt zu haben. Er nickt und geht daraufhin zukünftig vor die Tür, um zu rauchen.
Dann zieht er sein Hosenbein nach oben und zeigt mit seinem Finger auf ein schwarzes Gerät, das um seinen Fuß gebunden ist und rot blinkt.
Das sei eine elektronische Fußfessel, erklärt er mir. Er sei vor zwei Tagen aus dem Gefängnis entlassen worden und würde über die Fußfessel getrackt werden. Ich traue meinen Augen nicht. Was macht dieser Mensch bitte in diesem Hostel?
Panik!! Der Alarmschalter geht an:
- Anja: Wechsel das Zimmer, jetzt sofort!
- Kaufe dir sofort ein Schloss für deine Wertsachen
- Nehme deine Wertsachen zukünftig immer in deiner Brusttasche mit
- Schließe den Vorhang an deinem Bett
Gleichzeitig denke ich mir: Auf keinen Fall Angst zeigen! Und: Wenn das meine Mutter wüsste ... Doch meine Neugier gewinnt die Oberhand, und ich bleibe im Zimmer stehen. Er wird mich ja nicht gleich umbringen, wenn er gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde. Und dann erzählt er mir, weshalb er fünf Jahre im Gefängnis verbracht hat.
Dann ziehe ich los zum nächstgelegenen Supermarkt. Auf dem Weg dorthin begegne ich einigen Junkies und auch vor dem Supermarkt lungern diese herum. Als ich den Laden betrete, drehe ich sofort um. Ich fühle mich unwohl und entscheide in einer Zehntelsekunde, diesen Ort sofort zu verlassen. Ich fühle mich nicht sicher. Der andere Supermarkt ist sehr teuer und es gibt kaum Lebensmittel. Ich kaufe fünf Packungen Porridge, einen Apfel, eine Zitrone, Uncle Bans-Reis und Linsen-Eintopf – für 23 Euro. Billig ist das nicht, denke ich und überlege fieberhaft, wie ich die kommenden zwei Wochen überleben soll.
Zurück im Hostel treffe ich wieder auf Collien, der in schallendes Lachen ausbricht, als er meinen Einkauf, besonders den Uncle Bans Reis, betrachtet.
Er schüttelt den Kopf und sagt, er könne mich unmöglich mit diesem Essen im Hostel lassen; das würde ihn traurig machen. Das sei mit seinem Gewissen nicht vereinbar, dass ich Seattle nur mit Drogenabhängigen und Uncle Bans-Reise verbinde.
Er ruft einen guten Freund an und bietet mir an, Sushi essen zu gehen. Ich ziehe meine Augenbrauen hoch und meine Gedanken rasen. Okay. Dieser Typ ist soeben aus dem Gefängnis entlassen worden. Wird von der Polizei mit einem GPS-Tracker überwacht. Hmm... Die Stimme in meinem Kopf wird lauter: »Nein Anja, tue das nicht!, entferne dich umgehend von dieser Person!« Obwohl Collien etwas etwas wirr dahinredet, vertraue ich ihm.
Als er später allerdings versucht einen Scooter zu buchen, halte ich ihn auf und sage ihm, nicht nach Amerika gekommen zu sein, um mitten in der Nacht in Seattle mit einem Scooter zu verunglücken. Wir gehen in ein Second-Hand-Geschäft und er zeigt mir einen Kristallstein-Shop. Dieser scheint ihm sehr wichtig zu sein. Im Shop vergisst lässt Collien seinen Pullover liegen. Er wisse schon seitdem er ein Kind sei, dass er ADHS hat, erklärt er mir.
Überall begegnen wir Fentanyl-Abhängigen, die vornübergebeugt auf dem Weg stehen. Einer jungen Frau, die noch ziemlich gesund aussieht, schaue ich direkt ins Gesicht. Ihre weißen Augäpfel sind hervorgetreten, nur die Wimpern sind erkennbar. Sie ist gerade auf ihrem Trip. »Warum ist diese Droge hier so beliebt?«, frage ich Collien. Er erklärt mir, dass sich die Lage in Seattle drastisch verschlechtert habe. Er habe kaum mehr Freunde, die nicht Fentanyl nehmen. Ich staune, als er sich bei mir bedankt, Zeit mit ihm verbracht zu haben, ohne Drogen zu nehmen oder Alkohol zu trinken. Es sei eine Ehre für ihn, mit jemandem den Abend verbracht zu haben, der die ganze Zeit klar im Kopf gewesen ist.


BAINBRIDGE ISLAND.
Am nächsten Morgen packe ich nach einem Porridge-Frühstück meinen Rucksack. Auf meinem heutigen Plan steht:
1. Ein Café finden und an meinem Reiseblog arbeiten
2. Die Harbour von Seattle entlanglaufen
3. Die Fähre nach Bainbridge Island nehmen
An der Rezeption des Hostels frage ich nach, welcher der beste Weg sei, um den Drogenabhängigen nicht zu begegnen. Er antwortet mir, die erste Straße hier rechts sei am Besten. Man könne sich aber ehrlichgesagt nicht wirklich entziehen, da die Menschen überall in der Stadt seien. Menschen, die Fentanyl nehmen halten ihren Oberkörper nach vorne gebeugt. Sie können nicht richtig laufen. Es sieht so aus, als ob an jeder Straßenecke Quasimodos stehen. Auch am Morgen begegne ich ihnen. Doch ich lerne bereits mir Strategien zu überlegen.
Wie, achtsam zu sein und vorausschauend zu registrieren, wer sich auf meinem Weg befindet und daraufhin die Straßenseite zu wechseln.,
Immer den Gehweg wählen, auf der sich wenig Bäume befinden, da dieser Weg für andere besser ersichtlich ist. Es ist interessant, wie schnell das Gehirn lernt umzudenken.
Auf der Fähre nach Bainbridge Island setzt sich die Sonne durch und ich beginne langsam mich etwas zu entspannen. Auf die Insel wollen vor allem Einheimische. Da es Samstag ist, sind einige von ihnen unterwegs. Auf Bainbridge angelangt, nehme ich den Waterfront-Trail und setze mich auf den ersten Baumstamm, um den Massen zu entkommen. Da merke ich, wie sehr mein Nervensystem angespannt ist und wie schwer die vergangenen Reisetage auf meinen Schultern lasten. Die eine Woche Kanada hatte es in sich. Jetzt kommt der gelassene Teil. Dennoch kann sich mein Körper nicht so recht entspannen.



Dann suche ich mir eine Bank mit einem Tisch mit Blick auf das Wasser, das Schiff und die Segelboote, und beginne meine Fotos auf den Laptop zu laden und zu schreiben. Augenblicklich entspannt sich mein Nervensystem. Ich kann es spüren. Wie eine Welle, die durch meinen Körper geht.
Als die Fähre langsam aus dem Hafen von Bainbridge Island herausfährt, ist mein Rücken von dem Rennen zur Fähre verschwitzt. Ich setze mich neben ein Ehepaar. Heute sei ein besonders schöner Tag, sagt der Mann neben mir. Wir beginnen ein Gespräch. Er erzählt, bereits mehrmals nach Deutschland gereist zu sein. Im kommenden Jahr sei es Bayreuth. »That's not far from the city, where I live«, sage ich. Er könne auch Bamberg besuchen.
Der Norden in Deutschland gefalle ihm nicht, sagt er. Viel zu flach. Keine Berge. Der Süden fasziniere ihn mehr. Ich grinse. Die Stadt, die jedes Mal in solch einem Gespräch fällt, ist München. Manchmal auch Berlin. Ich bringe ihm die Aussprache von Bayreuth bei. B e i - r e u t h. Er verschluckt jedes Mal das i. Diese Amerikaner, denke ich.















